Die drei wichtigsten Dinge, die ich nach meiner ADHS-Diagnose geändert habe

Als ich meine ADHS-Diagnose bekam, eigentlich schon, nachdem ich bemerkte, dass ich höchstwahrscheinlich ADHS habe, steckte ich am Ende meines geisteswissenschaftlichen Studiums fest. Ich hatte noch fünf Hausarbeiten vor mir, meine Magisterarbeit sowie meine Magisterprüfungen – und keine Ahnung, wie ich diesen Berg jemals bewältigen sollte. Zur Uni gehen musste ich nicht mehr, ich hatte genügend Semesterwochenstunden gesammelt. Nur noch recherchieren, lesen und schreiben. Eigentlich etwas, das ich sehr gern mache. Die Themen hatte ich alle so gewählt – meinem damals noch unbekanntem ADHS-Naturell entsprechend –, dass sie möglichst eigenständig waren. Kein Positionen-lesen-und-miteinander-vergleichen, sondern alle Arbeiten beinhalteten einen neuen Ansatz, etwas, zum selbst denken – alles andere wäre mir zu langweilig gewesen, es bedeutete so aber auch deutlich mehr Arbeit. Ich quälte mich nun also alle zwei Tage zur Bibliothek, starrte dort die meiste Zeit auf Bücher, ging Mittagessen, starrte weiter auf Bücher und fuhr wieder nach Hause. In der S-Bahn weinte ich vor Erschöpfung meist leise vor mich hin. Zuhause wollte ich nur noch ins Bett. Und zwischendurch ging ich aus, trank viel Alkohol und versuchte das Gefühl zu vergessen, dass ich das niemals – niemals – schaffen werde.

Und dann wurde alles anders. Nachdem mich ein diagnostizierter Freund darauf aufmerksam gemacht hat, dass ich ADHS habe könnte (vielen Dank dafür, C.L.!), habe ich etwa eine Woche lang alles gelesen, was ich zu ADHS gefunden habe, im Internet und in der Bibliothek. Ich ging durch die typisch auftretenden Gefühle von Verzweiflung (Warum hat das keiner erkannt? Was hat mir das Unwissen darüber alles kaputt gemacht? Wo könnte ich heute sein, wenn ich es gewusst hätte?), Verständnis für mich selbst (Das erklärt mein ganzes Leben! Ich bin gar nicht falsch! Ich bin gar nicht faul! Ich bin gar nicht dumm!) und Hoffnung (Gut, dass ich es endlich weiß! Wieviel mehr und wieviel anderes ist jetzt möglich!). Und dann begann ich, Pläne zu machen. Und das ist auch gleich die erste wichtige Veränderung:

1. Ich machte mir einen Plan

Und dazu erstmal einen Überblick. Wie weit bin ich mit dem Studium? Wieviel Zeit brauche ich für jede Arbeit? Wie realistisch ist diese Zeit? – Immer etwa ein Drittel mehr einplanen, als angenommen. – Was genau muss für die momentane Hausarbeit gemacht werden? Was recherchiert, welche Kapitel geschrieben, welche korrigiert. Dann folgte der Wochenplan, an dem ich lange gefeilt habe, bis er für mich ideal war: Er muss nicht schön sein, sondern flexibel. Also mit vielen Streichungen, Verschiebungen und Pfeilen. Was ich in der Woche schaffen wollte, entschied ich am Sonntagabend. Was ich am jeweiligen Tag schaffen wollte, am jeweiligen Tag – nach dem Duschen und dem Frühstück zum ersten Kaffee. Das brachte Strukturen und Gewohnheiten in mein Leben, war aber nicht zu starr, so dass ich mich von mir selbst bevormundet gefühlt hätte. Alle Pläne und To-Do-Listen machte und mache ich bis heute übrigens von Hand – das Abhaken oder Durchstreichen der jeweiligen Aufgabe ist digital nicht ersetzbar.

2. Ich änderte meinen Tag-Nacht-Rhythmus

Ich las, dass Menschen mit ADHS oft Nachtmenschen sind und für frühes Aufstehen einfach nicht gemacht sind, und sich oft in einen „normalen“ Rhythmus zwingen, der für sie viele Probleme bereitet, sie ihre Leistungshochs nicht ausnützen können und es sie erschöpfen, sogar krankmachen kann, wenn sie nicht auf ihren eigenen Rhythmus hören. Das kam mir bekannt vor, und das, obwohl ich meinen Tag schon so eingerichtet hatte, dass ich wenigstens um 11 Uhr in der Bibliothek saß. Aber es ist so eine Sache mit dem Vormittag: Ich fühle mich da einfach nicht richtig. Am liebsten gehe ich nachts um 4 ins Bett, verschlafe diesen komischen Vormittag, mit dem ich einfach nichts anfangen kann und stehe mittags auf. Und da fiel mir mein bisheriger Denkfehler wie Schuppen von den Augen: Ich hatte immer versucht, einen halbwegs „normalen“ Rhythmus zu haben, weil es immer heißt, man sei vormittags am produktivsten und es sei viel gesünder und natürlicher, sich nach der Sonne zu richten, das hätten die Urvölker auch schon so gemacht. Und ich habe mich immer inkompetent gefühlt, weil ich gerade vormittags so gar nichts auf die Reihe kriege. Und dass es auch bei den Urvölkern Menschen geben musste, die nachts Wache halten und die nachts jagen gehen, das wird bei der Natürlichkeitsthese immer gern außer Acht gelassen. Und es lag so nahe: Meine Bibliothek hatte bis Mitternacht geöffnet! Von nun an war ich erst um 16 oder 17 Uhr in der Bibliothek, konnte vorher noch Dinge erledigen, hatte meine produktivsten Zeiten in der Bib und danach noch genügend Energie, um mich mit Freunden zu treffen. Ich habe nicht einmal mehr in der S-Bahn geweint.

3. Ich machte mir keinen Druck mehr

Und das ist die schwierigste Aufgabe, eine, an der ich immernoch und immerwieder arbeite, weil das Gefühl, nichts Wert zu sein, wenn ich nicht mit den Leistungen/dem Verhalten/den sozialen Beziehungen anderer mithalte, kulturell von kleinauf internalisiert wurde. Mir war klar, dass ich die Erwartungen der ableistischen Gesellschaft, in der wir leben, nicht erfüllen kann. Ich werde niemals regelmäßig einen normalen, unflexiblen 40-Stunden-Job ausüben und dabei gesund bleiben können. Und ich würde auch mein Studium nicht in der Regelstudienzeit beenden können. Und das lag nicht an meinem Versagen, sondern daran, dass diese Gesellschaft ausgelegt ist für eine Norm, die es so gar nicht gibt, denn das „Normale“ ist ein Durchschnittwert, der „Durchschnittsbürger“ heißt es, der sich zusammensetzt, aus allem anderen, auch aus den Extremen und den Rändern. Ohne die Extreme auch kein Durchschnittswert. Menschen mit ADHS, neurodiverse Menschen, die z.B. für bestimmte Dinge extrem viel Kraft aufwenden müssen und bei anderen Dingen extrem schnell sind, die extrem spät schlafen gehen, die extrem ehrlich, sensibel oder reizoffen sind, gehören also genauso zur Norm dazu, weil der Durchschnitt die Extreme ja mit einrechnet – sollen sich dann aber nach der Mitte richten. Wenn das aber alle täten, würde der Durchschnittswert völlig irrelevant werden, weil er sich eben aus allem zusammensetzt, Extreme mitinbegriffen – das ist völlig paradox. Also, um den Durchschnitt zu erhalten, lebte ich meine Extreme aus. Das hieß soviel, wie: Kein inneres Beschimpfen und Abwerten mehr. Sondern alles nach meinen Regeln, meinem flexiblen Plan, meiner Zeit, meinem Rhythmus. Auch wenn das alles anders war, als bei den anderen. Ich arbeitete so, wie es am besten funktioniert, nicht, wie es funktionieren sollte. An Tagen, an denen meine Konzentration herausfordernd war, machte ich die spannenden Sachen: Kapitel skizzieren, drauflosschreiben, die spannende Recherche, bei der ich mir auch erlaubte, mich festzulesen. Oder die Routineaufgaben, die nicht so viel Aufmerksamkeit brauchten, und bei denen ich in Bewegung sein konnte: Quellen herausfinden, durch die Bibliothek stromern und Bücher heraussuchen, Texte kopieren. Und wenn ich merkte, ich hatte einen guten Konzentrationstag, machte ich die Dinge, die schwierig für mich waren. Korrekturen, fehlende Gedankengänge auffüllen, den roten Faden finden, Unwichtiges eliminieren. Und für schlechte Tage stellte ich eine Regel auf: Wenn ich länger als anderthalb Stunden meine Bücher angestarrt/und oder lustige Bibliothek-Selfies gemacht hatte, ging ich nach Hause und machte irgendetwas, das mir guttat. Ohne schlechtes Gewissen.

Bibliothek-Selfies – ziemlich exakt vor 10 Jahren aufgenommen.