Marie Maroske, M.A. Ξ 43 Ξ sie/dey Ξ ADHS-Autist·in Ξ Berater·in Ξ Aufklärer·in

Zeit meines Lebens wurde mir „Überempfindlichkeit“ unterstellt – damit war meine Neurodivergenz-bedingte Hochsensibilität gemeint, stärkte aber durch den negativen Beigeschmack des Begriffs mein Empfinden, dass ich irgendwie nicht richtig war. Meine offizielle ADHS-Diagnose bekam ich mit 29 Jahren – selbstredend nach meiner Selbst-Diagnose. Zu dieser Zeit stapelten sich auf meinem Schreibtisch Ideen für die letzten fünf Hausarbeiten, die ich schon eine Weile vor mir herschob, an die Magisterarbeit und die Abschlussprüfungen war gar nicht zu denken. Allein das Wissen darum hat mir zu einem sehr guten Studienabschluss verholfen. Mein Leben erklärte sich mir auf einen Schlag, ich lernte, wie mein Gehirn funktionierte, begann wahrzunehmen, was ich brauchte, ich konzentrierte mich auf die Dinge, die gut gelangen. Zum Glück konnte ich mir während des Studiums meine Themen selbst aussuchen – sie interessierten mich derart, dass sie den Hyperfokus auslösten. Ich begann, mir Strukturen zu schaffen, mich nach meiner inneren Uhr zu richten. Ich hörte auf, mich schuldig zu fühlen, wenn mir etwas nicht sofort gelang und widmete mich an schwierigen Tagen Aufgaben, die mir leicht fielen (die kreativen Aufgaben, das Drauflosschreiben, das sich Festlesen an interessanten Themen) – an guten Tagen den anderen Dingen (Geschriebenes überarbeiten, den roten Faden verfolgen). Ich wurde gelassener. Ich hatte nicht mehr jeden Abend auf dem Weg von der Bibliothek nach Hause einen Meltdown. Ich hatte wieder ausreichend Energie, sogar um ein soziales Leben zu führen. Meine Magisterarbeit reichte ich zwei Tage vor Abgabetermin ein. Ohne das Wissen um meine Reizoffenheit hätte ich das nicht geschafft. Nicht in der veranschlagten Zeit, nicht ohne mich komplett unfähig zu fühlen, nicht ohne Burn-Out.
Die Idee, meine persönlichen Erfahrungen, meine Expertise und meine Talente, die sich auch aus meiner Reizoffenheit speisen, miteinander zu verbinden und zum Beruf zu machen, entstand aus der jahrelangen intensiven Arbeit mit einer Nachhilfeschülerin, die ebenfalls mit ADHS diagnostiziert ist.
Entwickelt hat sich meine Expertise aus dem Zusammenwirken meiner eigenen Erfahrung mit der ADHS-autistischen Wahrnehmung und persönlichen Lebensrealität, dem Austausch mit anderen ADHS-Autist:innen sowie aus dem umfangreichen Wissen, das ich durch mein autistisches Hyperinteresse in jahrelanger kontinuierlicher autodidaktischer Vertiefung erworben habe.
Selbstredend ging es in der Nachhilfe nicht ausschließlich um Wissensvermittlung, sondern um Strukturierung, Motivation, das Mit-dem-Gehirn-statt-dagegen-Arbeiten und das Aufbauen ihres Selbstbewusstseins durch das Erkennen ihrer Stärken, Intelligenz und wunderbaren Persönlichkeit. Bei Beginn der Arbeit rieten ihre Lehrer·innen klar vom Besuch der Oberstufe ab – inzwischen hat sie ein gutes Abitur gemacht und studiert fleißig und sehr eigenständig.
Ich bin dreifach spätdiagnostiziert: 2012 (Diagnose) mit ADHS (selbstdiagnostiziert 2010), 2020 mit Endometriose und 2021 habe ich herausgefunden, zusätzlich zum ADHS auch Autist·in zu sein (Diagnose 2025). Besonders wichtig ist es daher für mich, Menschen auf dem Weg kurz nach der (Selbst-) Diagnose zu begleiten und dabei zu helfen, aus den Irrungen und Wirrungen heraus in die Selbstakzeptanz zu kommen.
Neben meiner Arbeit bin ich nach Kräften auf Instagram aktivistisch unterwegs und kämpfe, wo ich es sehe, für Barrierefreiheit und gegen Ableismus und kläre auf: Über die Zusammenhänge von Neuronormativität, Abwertung und Pathologisierung, Gatekeeping von Diagnosen etc. Dieser Kampf fängt oft im Kleinen an, dabei, achtsam durch die Welt zu gehen und die Augen nicht vor Ungerechtigkeiten zu schließen. Dabei, Grenzen zu setzen und diese zu verteidigen. Das Leben nach den eigenen Bedürfnissen auszurichten und es ohne Scham und sich shamen zu lassen zu leben. Sich den eigenen internalisierten Ableismen bewusst zu werden und achtsam damit umzugehen. Marginalisierten Gruppen zuzuhören und ihnen ihre Erfahrungen nicht abzusprechen. Und auch darin, Ableismus und Diskriminierung zu erkennen und darauf hinzuweisen.
Trivia: Mit meiner Partnerperson wohne ich in Berlin. Ich bin gerne drinnen und kommuniziere mit Freund·innen am liebsten via Videocall oder Sprachnachrichten. Meine Interessen umfassen Themen rund um Diskriminierung, Gesellschaft, intersektionalen Feminismus, Neurodivergenz, Psychologie, griechische Mythologie, Mode und Nähen. Ich bin nicht sportlich, aber ab und an mache ich Yoga (Hatha oder Yin), ich meditiere in unregelmäßigen Abständen und Frequenzen. Ordnung im Haushalt interessiert mich nicht sehr, doch in aller Gelassenheit entsteht bei mir mit zunehmendem Alter eine größere Grundordnung. Ich sehe viel fern (Safeserien z.B. Gilmore Girls, Star Trek TNG, My so-called life, Friends) und spiele dabei gern auf meinem Tablet. Zwischendurch pausiere ich um zu schreiben, zu lesen, zu kommunizieren, etwas zu recherchieren etc. Früher habe ich viel Prosa gelesen (z.B. Kleist, Thomas und Klaus Mann, Georges Perec), heute überwiegend Fach- und Sachliteratur, gesellschaftsanalytische Bücher und (Auto-) Biographien. Ich liebe meine Kuscheltiere und habe sie immer um mich. Musik ist und war seit ich denken kann ein großer Teil meines Lebens – es begann mit Grunge und ist inzwischen sehr vielfältig, aber es ist immernoch bemerkbar, dass ich ein Kind der 80er/90er bin.

Seit 2018 – Counseling bei Reizoffenheit (über 1400 abgehaltene Sitzungen)
Fortlaufende Weiterbildung zu Themen rund um ADHS, Autismus, Neurodivergenz im allgemeinen, Ableismus und anderen Diskriminierungsformen sowie Achtsamkeit.
2025 – Teilnahme an der Fortbildung: „Traumasensible Unterstützung für Menschen aus dem Autismus-Spektrum“, Leitung: Dr. Kirsten Hildebrand, ZAK Germany (3 Tage)
2025 – Leitung der Aufklärungsveranstaltung: ADHS und Autismus im Studium – Grundlagen für eine inklusive Hochschullehre für Lehrende; Hochschule Schmalkalden
2024 – Leitung zweier Workshops mit anschließender Gruppenberatung für neurodivergente Studierende: Aufklärung über Neurodivergenz, ADHS+/Autismus und Barrieren; Gruppenberatungen für ADHS+/autistische Studierende; Universität Konstanz
2024 – Leitung der Aufklärungsveranstaltung: „ADHS – eine unsichtbare Behinderung!?“, Heinrich-Böll-Stiftung Berlin
2024 – Leitung des Empowerment-Workshops für neurodivergente Studierende, Hochschule für bildende Künste Hamburg
2024 – Co-Autor·in der Studie: „“What does ‚often‘ even mean?“ Revising and Validating the Comprehensive Autistic Trait Inventory in Partnership with Autistic People“
2023 – Leitung des Workshops: „Barrieren brechen: Empowerment-Workshop für neurodivergente FINTA“, Freie Universität Berlin
2017 – BTA Berlin: Abgeschlossene Ausbildung zur QRC-zertifizierten sowie systemischen Coach (die Ausbildung fand über 300 Zeitstunden in Präsenz statt)
seit 2005 – Lektorate, 2013 – 2018 Nachhilfe (ADHS)
2003 – 2013 – Freie Universität Berlin: Studium der Neueren deutschen Literatur und Theaterwissenschaft (Magisterabschluß)
2012 Veröffentlichung: „Gerhart Hauptmanns Mignon unter der Beeinflussung Friedrich Nietzsches“ in: Carl und Gerhart Hauptmann-Jahrbuch 6
2007 – Theatertreffen: Assistent·in der tt festivalzeitung
2002 – 2005 – Deutsches Theater Berlin: verschiedene Hospitanzen (Dramaturgie, Regie), Regie-Assistenzen und Kleindarsteller·innen-Rollen

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