Momente, die viele autistische Menschen wahrscheinlich zur Genüge kennen: Wir* unterhalten uns und plötzlich befinden wir uns inmitten eines Streits. Keine Ahnung, wie wir da hineingeraten sind, keine Ahnung, worum es hier überhaupt geht.
Es fühlt sich ein bißchen so an, als stände man auf einmal in einem Wirbelsturm, den man nicht kommen gesehen hat, und mit manchen Personen fühlt es sich sogar so an, als befände man sich durchgehend im ruhigen Auge des Wirbelsturms und jede kleinste Bewegung zöge eine sofort wieder in den Strudel hinein.
Der Satz, den ich zu mir selbst sage, mal laut, mal leise:
„Was habe ich jetzt schon wieder falsch gemacht?“
begleitet mich schon mein ganzes Leben.
Oder: Inmitten eines Gesprächs wird uns etwas vorgeworfen, was wir weder gesagt noch gemeint haben. Wir hören Sätze wie: „Es ist nicht was du sagst, sondern WIE du es sagst.“ – dabei kann oder will niemand erklären, was genau das eigentlich heißen soll. Und alles, was wir versuchen zu erklären, wird gegen uns ausgelegt. Es seien Ausreden, Lügen, Opferrolle, Manipulation, Sarkasmus. Und für uns fühlt es sich so an, als säßen wir in einem sehr gut isolierten Glashaus und würden versuchen, hinauszuschreien, was wir meinen, exakt so formuliert, dass es eigentlich nicht missverstanden werden kann, aber draußen kommt irgendwie nur verworrenes Blabla an.
Normalerweise neige ich nicht so sehr zu Metaphern. Aber in diesem Fall hilft es mir, Gefühle zu beschreiben, die eigentlich klassische Ohnmachtsgefühle sind, und daher so schwer in Worte zu fassen. Wir können tun, was wir wollen: Sobald uns etwas unterstellt wird und unsere Erklärungen als Lüge gesehen werden, haben wir keine Chance darauf, verstanden zu werden. Hilflosigkeit macht sich breit, Ohnmacht, und das verstärkt sich durch die unzähligen Situationen, in denen wir das schon erlebt haben, multipliziert sich, nimmt Überhand, keine Kontrolle, keine Selbstwirksamkeit, nur Verzweiflung, Unverständnis, Panik.
Solche Situationen entstehen oft aus kommunikativen Missverständnissen zwischen autistischen und allistischen Menschen, aber auch zwischen Autist:innen, v.a. wenn mindestens eine von beiden hochmaskierend ist und allistische Kommunikationsregeln in harter Arbeit erlernt hat.
Während wir versuchen alles genau zu verstehen und einzuordnen, unsere Sätze so zusammenzusetzen, damit sie eindeutig sind, die Worte im Kopf mehrmals umdrehen, bevor wir sie verwenden, wir mit Reizüberflutung umgehen, entfällt uns ein merkwürdiger Social Cue, verwenden wir nicht die für den allistischen Autopiloten benötigte Tonlage, Mimik, Gestik oder whatever.
Das legen uns Allistics oft als Angriff, Kritik, Diskreditierung, Recht-haben-wollen oder Besserwisserei aus, denn sie interpretieren irgendetwas zwischen unsere Zeilen, was nicht da ist; nehmen an, dass wir einen unausgesprochen Hintergedanken haben. Oder dass wir ihnen versteckt kommunizieren wollen, dass sie irgendetwas tun sollen oder falsch gemacht hätten.
Dabei stellen wir meist Fragen, um alle benötigten Details zu haben, erzählen von uns, weil wir zeigen wollen: ich kann nachfühlen, wie es dir geht, oder erzählen etwas nur, weil wir es interessant finden, Informationen austauschen wollen o.ä.,
Manchmal sind uns diese Fehlinterpretationen sehr bewusst, und dennoch werden wir immer wieder davon überrascht. Und das, obwohl wir es schon so häufig erlebt haben.
Wer es nicht wieder vergisst ist:
Unser Körper.
In sozialen Situationen, in denen wir uns nicht sicher fühlen, spannt er sich an, gerät in Stress, Hypervigilianz zeigt sich, wir sind mitunter hochkonzentriert, weil wir das fürs Masken brauchen. In dem Moment muss es uns nicht mal bewusst sein. Aber es hat Folgen.
Die Anspannung, die uns durch viele soziale Situationen begleitet, spüren wir danach oft noch tagelang. Und irgendwann auch davor. Bei jedem kleinen Missverständnis, jeder Situation, die wir nicht verstehen, jeder ungeplanten Gesprächswendung oder unerklärlichen Gesprächspause, jeder Sprachnachricht, die nicht schnell genug beantwortet wird, jeder Veränderung des Ausdrucks im Gesicht des Gegenübers -steigt Panik in uns auf. Unser Körper reagiert. Denn er hat all diese Situationen des ewigen Missverstanden-werdens gespeichert und signalisiert: Du bist nicht sicher.
Wieder in so einer Situation zu sein fühlt sich so unfair an, dass man vielleicht vor Hilflosigkeit einfach platzen könnte (rw) (und ja, ein Meltdown ist oft nicht fern). ft resultiert es darin, dass wir uns unsichtbar fühlen, nicht gesehen, nicht wahrgenommen; vielleicht dass wir uns am liebsten verkriechen und nie wieder reden möchten (und ja, ein Shutdown ist oft nicht fern). Es macht ja sowieso keinen Sinn.
Zu mir kommen häufig Klient:innen, die sagen: „Ich gucke mich im Bereich Autismus um, weil mein ADHS nicht alles erklärt. Aber ich kann nicht autistisch sein, weil ich keine sozialen Beeinträchtigungen in der Kommunikation habe.“ Früher habe ich das bei mir auch geglaubt. Die Wahrheit steckt im Detail.
Denn es gibt viele Schwierigkeiten in der Kommunikation, meist mit allistischen Menschen, die wir nicht als solche wahrnehmen, sondern eher denken, wir machen Fehler oder verhalten uns falsch. Denn schließlich sind wir ja immer Teil dieser Diskussionen und Missverständnisse, wir erleben sie häufig mit unterschiedlichen Personen und in unterschiedlichen Settings – also muss es ja an uns liegen, oder? Also muss es wahr sein, was sie sagen:
‚Ich bin einfach besserwisserisch / pedantisch / unhöflich / manipulativ / nervig.‘ Auch, wenn es sich so nicht für uns anfühlt. Aber wenn es alle sagen – dann machen wir uns sicher nur selbst was vor. Es müssen schlechte Charaktereigenschaften sein. Hier zeigt sich der internalisierte Ableismus, der sich gegen uns selbst richtet. Die wechselseitigen Schwierigkeiten in der Kommunikation werden dann nicht als solche wahrgenommen, sondern als die eigene Charakterschwäche. Daher glauben viele, dass das gar nichts mit Autismus zu tun haben kann.
Und letztenendes hat es auch nicht per se etwas mit Autismus zu tun, sondern eben mit den wechselseitigen Verständnisschwierigkeiten zwischen zwei unterschiedlichen Kommunikationstypen – das Double Empathy Problem, das schon vor langer Zeit die angeblich fehlende Theory of Mind abgelöst hat. So, wie wir Schwierigkeiten haben, Allistics zu verstehen, haben sie Schwierigkeiten, uns zu verstehen. – Der Unterschied ist: unser Kommunikationsstil wird als defizitär geframed, ihrer als normal.
Und Allistics haben meiner Erfahrung nach oft stärkere Probleme, uns zu verstehen als andersrum (Brit Wilczek bestätigt das in ihrem Buch „Wer ist hier eigentlich autistisch?“ – der Titel spielt genau darauf an), da viele von uns allistische Kommunikation regelrecht studieren und dann unsere ganze Energie darauf verwenden, zu masken. Während Allistics durch Neuronormativiät und Privilegien unbedacht annehmen, es gäbe nur einen legitimen Kommunikationsstil (ihren) und durch ihren sozialen Autopiloten, der uns einfach nicht einordnen kann, in Alarmbereitschaft versetzt werden.
Wir fühlen uns für sie unsicher an, i.d.R. nicht aus traumatischen Gründen (das ist häufig der Grund, warum sich Allistics für uns unsicher anfühlen können), sondern weil wir anders reagieren und agieren, als sie es gewohnt sind – und sie uns daher so stark missinterpretieren.
Es kann helfen, sich als autistisch erkennen zu geben, weil dann die Differenz, die sie automatisiert erleben, durch das Wissen darum ausgeglichen werden kann:
In etwa: Von: „Die Person erscheint mir merkwürdig, sie will mir Böses.“ ➡︎ Gefahr – zu: „Die Person erscheint mir merkwürdig, sie ist autistisch und hat andere Verhaltensweisen als ich.“ ➡︎ Entspannung
Leider funktioniert das nicht immer, gerade, wenn wir spätentdeckt sind und Personen uns schon sehr lange kennen und uns seit Jahrzehnten falsch eingeordnet haben. Dadurch sind viele Verletzungen entstanden, durch Missverständnisse auf beiden Seiten, die nicht immer einfach durch Einordnung beiseite gelegt werden. Und das ist die eigentliche Tragik.
Wie immer gilt:
• Mit „uns“ und „wir“ meine ich alle Menschen, die sich angesprochen fühlen! ADHS und Autismus sind Spektren – nichts trifft auf alle zu. Ich beschreibe Thematiken, die auf viele von uns zutreffen. Dies umschließt kollektive Erfahrungen, die autismus-spezifisch sind. D.h. diese Erfahrungen machen Allistics i.d.R. nicht, sondern nur Autist:innen, aber natürlich längst nicht alle. Hier geht es v.a. um Autist:innen, die überwiegend verbal kommunizieren und häufig komplexe soziale Interaktionen erleben.
• Alle beschriebenen Zusammenhänge können hier nur angerissen werden und sind in der Realität komplexer.
• Es gibt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.