Oder: Neurodiversitäts- vs. medizinisches Paradigma
Generell lese ich das leider viel zu häufig, dass Neurodivergenzen als Diagnosen dargestellt werden oder dass gesagt wird, man solle sich seine Neurodivergenz „diagnostizieren lassen“. Das bringt zwei unterschiedliche Paradigmen durcheinander, die nicht zusammengehören, und führt zu einer Verwässerung des Begriffs.
Medizinisches System
Diagnosen im medizinischen System erfüllen für uns einen wichtigen Zweck: Es geht darum, Unterstützung, Behandlung und Hilfen zu bekommen (also theoretisch, in der Praxis läuft das oft anders, das wissen wir wohl leider alle). Hier wird durch den defizitären Blick betrachtet, systemische Hintergründe werden dabei ausgeblendet. Es ist stark (neuro-) normorientiert und pathologisiert Abweichungen, die nicht in die Norm passen, selbst, wenn sie per se gar keine Krankheiten sind. Und das hat zur Zeit (noch) einen Sinn in einer nicht-inklusiven Gesellschaft, denn ohne das: keine Unterstützung. Gleichzeitig verschärft es Diskriminierung und Stigmatisierung. (Anmerkung: Ich spreche hier über Systeme, nicht über einzelne Personen innerhalb dieser Strukturen.)
Neurodiversitäts-Paradigma
Und deshalb ist es so wichtig, dieses System vom Neurodiversitäts-Paradigma zu trennen. Denn hier geht es um das Gegenteil: Akzeptanz, Selbstbestimmung, Inklusion, Diversität, Normalisierung. Neurodivergenz ist kein Krankheitsbegriff und keine Diagnose, sondern ein Identitätsbegriff, der Teil eines soziokulturellen Konstrukts ist, das neurologische Vielfalt und aus Neuronormativität entstehende Hierarchien und Machtverhältnisse beschreibt.
Innerhalb dieser Vielfalt gibt es Personen die aufgrund von neurobiologischen oder neurochemischen Funktionen abgewertet und ausgegrenzt werden (das medizinische System basiert strukturell darauf, Abweichungen von Normen zu pathologisieren, woraus dann Diskriminierung entsteht. Diskriminierung ist auch hier systemimmanent, also entsteht nicht „aus Versehen“, sondern ist eine direkte Folge des Systems und nicht davon trennbar). Das ist Teil von Neuronormativität und dagegen stellt sich das Paradigma der Neurodiversität.
Wenn wir beides vermischen, landen wir schnell bei der Behauptung, man könne nicht neurodivergent sein, wenn man keine medizinische Diagnose hat. Das ist falsch. Neurodivergenz wird nicht durch Diagnosen definiert. Es geht bei ND um Gehirnfunktionen, v.a. Wahrnehmung, Reizverarbeitung, neuronale Netzwerke, Denken und/oder Fühlen – und wie diese in gesellschaftlichen und alltäglichen Kontexten erlebt werden, einschließlich Diskriminierungs- und Marginalisierungserfahrungen. Neurodivergenz ist Teil der individuellen Identität und kann daher von außen durch Diagnosen gar nicht vergeben werden.
Wenn ihr also der Meinung seid, dass Selbstidentifikation/Selbstdiagnosen nur unter bestimmten Umständen valide seien, z.B. wenn man keinen Zugang zur Diagnostik hat, dann seid ihr im medizinischen System unterwegs und solltet aufhören, von Neurodivergenz zu sprechen. Denn die beiden Konstrukte stehen sich diametral entgegen.
Bei Neurodiversität und Neurodivergenz geht es nicht um eine verzweifelte Ersatzidentität, weil man keinen Zugang zu Diagnostik hat. Es geht auch nicht um ableistische Konzepte, in denen man jetzt ein nett klingendes Soft-Label verwenden kann, weil man bspw. Autismus als zu stigmatisierend erlebt oder Behinderungen ablehnt. Nein, es ist ein grundlegend anderes Denkkonzept als das, was uns in medizinischen Denkmustern begegnet.
Anmerkung: Wenn man „neurodivergent“ für sich nutzt, kann man trotzdem Leidensdruck haben, sich durch die eigene ND eingeschränkt fühlen und sich als behindert bezeichnen. Und man kann natürlich auch Diagnosen haben (wollen) und sich trotzdem als neurodivergent identifizieren. Und auch wichtig: Das medizinische System zu nutzen ist häufig absolut notwendig und verletzt nicht Neurodivergenz als Identität.
Wie immer gilt:
• Alle beschriebenen Zusammenhänge können hier nur angerissen werden und sind in der Realität komplexer.
• Es gibt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.