Subtile Formen von Ableismus im Sprachgebrauch
Ich lese es immer wieder, besonders häufig von allistischen Personen, die im Autismus-Bereich arbeiten: „Autistische Personen haben eine andere Wahrnehmung. Sie kommunizieren anders. Ihr Verhalten ist anders.“ Oder auch: „Wir finden Unterschiede in der autistischen Kommunikation vor.“ – Hier drängt sich eine grundlegende Frage auf: Anders als – wer oder was? Unterschiede zu wem oder was?
Meistens sind es gut gemeinte Beiträge – Beiträge, die generell auf Akzeptanz ausgerichtet sind und die sagen wollen: Es ist okay, dass Autist·innen sich „unterscheiden“. Aber wie sooft muss man hier sagen: Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“, denn in dieser Art Sprachgebrauch versteckt sich tief verwurzelter Ableismus.
Indem nicht einmal dazu geschrieben wird, wer die Referenzgruppe ist, wird statuiert, dass Autist·innen als „das Andere“ betrachtet werden – die Abweichung von der vermeintlichen Norm. Es wird angenommen, dass automatisch klar ist, dass nur allistische Menschen, also – in ableistischer Sichtweise – „normale“ Menschen gemeint sein können – weil autistische Menschen eben nicht als die Norm, sondern als „die Anderen“ geframed werden. Die neurotypische Norm wird als so selbstverständlich angesehen, dass sie nicht einmal benannt werden muss.
Das ist Othering und verschärft bestehende Gräben, verstärkt das Sich-falsch-fühlen und ausgeschlossen werden von Autist·innen sowie das double empathy problem auf der Seite allistischer Menschen. Es trägt dazu bei, dass Autist·innen nicht als gleichwertig zu allistischen Personen betrachtet werden. Und somit wird das Ziel, Akzeptanz zu fördern, verfehlt. Noch deutlicher wird dies, wenn von „unseren“ Normen statt von neurotypischen oder allistischen Normen gesprochen wird – auch hier wieder ganz klar, aus welcher Perspektive und an welche Leserschaft das ganze gerichtet ist – Autist·innen, um die es ja schließlich geht, werden sehr konkret ausgeschlossen.
In dieser Verwendung von Sprache wird deutlich, dass Autist·innen immer über die Abweichung von der vermeintlichen Norm definiert werden. Unsere Eigenschaften werden nicht einfach beschrieben (gern wird dann sogar noch betont, dass wir ja „auch“ Stärken hätten – oh! wie gönnerhaft), sondern immer in Relation zu dem gesetzt, was als „normal“ gilt. Dabei ist Autismus genauso normal wie Allismus, Neurodivergenz genauso normal wie Neurotypismus. Nur weil Neurotypismus häufiger vorkommt, bedeutet das nicht, dass es der Standard sein darf, an dem alle anderen Neurotypen gemessen werden.
Neurodivergente Menschen sind gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft – wir dürfen nicht anhand irgendeiner vermeintlichen Normalität bewertet werden. Normalität bedeutet Diversität.
Ableismus steckt oft im Detail. So auch bei gutgemeinten Beiträgen über Autismus-Akzeptanz, die dann aber diskriminierend sind, weil sie Othering betreiben. Auch das zeigt die Wichtigkeit von: Nichts über uns ohne uns.