Scripting bei Autismus (und ein bisschen ADHS)
Nein, das ist kein „Overthinking“! – Eine Einordnung aus meiner Beratungsperspektive
Autistisches Scripting kann so aussehen:
Bevorstehende Gespräche im Kopf durchzugehen. Was wir sagen wollen, was geantwortet werden könnte, wie wir darauf reagieren usw. Was bei Allistics meist nur eine Ausnahme ist (z.B. Vorbereitung auf ein Vorstellungsgespräch) ist bei uns oft eine ständige Begleiterscheinung.
Unter Scripting wird verschiedenes eingeordnet, z.B. auch gelernte Small-Talk-Phrasen oder Sätze, die wir von anderen Personen/aus dem Fernsehen kennen, die exakt wiederholt werden. Hier geht es aber um die oben beschriebene Form von Scripting.
Wir finden Scripting übrigens nicht nur bei Autismus, sondern z.B. auch bei ADHS und sozialen Ängsten, aber mit unterschiedlichen Hintergründen. ADHSler:innen scripten oft punktueller als Autist:innen. Hier geht es mehr darum, schwach ausgeprägte Exekutivfunktionen auszugleichen: Ein Vorab-Scripting dient mehr als Strukturierungshilfe unter erwartbarem Stress, z.B. um nicht den roten Faden zu verlieren, wichtige Details nicht zu vergessen oder impulsives Unterbrechen zu vermeiden. Es ist eine Coping-Strategie zur Selbststrukturierung.
Scripting ist sehr oft Thema in meiner Beratung und mit viel Unsicherheit verbunden. Verständlicherweise, denn viele von uns wurden unser Leben lang dafür geshamed – als „Overthinker“ betitelt, uns wurde erklärt, dass das nicht gesund sei, wir immer „alles zerdenken“, „zu viel grübeln“ und uns nur „hineinsteigern“ würden und „einfach mal locker sein“ sollten. Das führt dann schnell dazu, dass wir uns selbst abwerten und versuchen, Scripting zu unterdrücken.
Dabei ist scripten gar nicht das Problem, sondern eine Kompensationsstrategie.
Scripting ist kein Overthinking!
Es dient zur Vorbereitung auf (für uns) unsichere Situationen, und dazu, in unvorhersehbare Gegebenheiten Sicherheit und Kontrolle zu bringen. Es ist eine Art Vorsortieren, damit wir überhaupt erst in der Lage sind, uns in diese Situationen hineinzubegeben.
Denn unser autistisches Gehirn schlägt gern Alarm, wenn Ungewissheit herrscht, wenn etwas (noch) nicht einsortiert werden kann. Scripting führt dazu, die Ungewissheit gewisser zu machen, schon vorher zu sortieren, damit sich unser Nervensystem wieder beruhigen kann.
Das Ziel, das ein scriptendes Gehirn verfolgt: handlungsfähig bleiben.
Das Ziel des Gehirns im Moment des Scriptens ist nicht: Dass wir in der zukünftigen Situation dieses Script anwenden. Oft haben wir in dem Moment gar keinen Zugriff mehr auf die vorher so schön ausformulierten Sätze, weil dann doch wieder die Reizüberflutung, Stress oder die unterschiedlichen Ebenen des Maskings uns überfordern. Das ist ganz normal, denn die Anwendung ist für das Gehirn eben nicht die Hauptfunktion – es heißt also nicht, dass wir uns falsch vorbereitet haben. Auch hier kann hinterher viel Scham entstehen. Denn: Mist, ich wollte doch eigentlich das und das sagen…
Je krasser die bevorstehende Situation allerdings für uns ist, umso mehr kann das Scripten in immer wiederkehrenden Loops ablaufen. Das hat oft mit Triggerthemen oder angstbesetzten Situationen zu tun, mitunter auch mit Situationen, in denen M@chtmißßbrauch möglich ist, wir uns in Abhängigkeit befinden. Hier kann aus einer Strategie, die uns eigentlich Sicherheit geben sollte, dann schnell eine energiefressende Belastung werden. Gerade, wenn wir Tage oder Wochen im Vorhinein damit beginnen.
Es kann helfen das Script aufzuschreiben. Dann sieht das Gehirn, dass es einsortiert ist und kann erstmal aufatmen.
Aber: Es gibt nicht das eine Tool, das immer funktioniert, sondern viele Wege. Was hilft, hängt davon ab, welche Funktion das Scripting gerade erfüllt.
Manchmal geht es darum, konkrete Sicherheitspläne für die Situation zu machen. Manchmal darum, alte Unsicherheiten von aktuellen Situationen zu unterscheiden. Manchmal einfach nur darum, dass wir ein Stopp in die Loops einbauen, weil unser autistisches Gehirn kein Ende findet.
Genau dort beginnt die eigentliche Arbeit: Nicht das Scripting mit aller Kraft zu unterdrücken, sondern zu verstehen, wann es für dich hilfreich ist, wann es dich erschöpft und was dein Nervensystem gerade braucht.
Und hier setze ich in der Arbeit mit meinen Klient:innen an: Welche Funktion hat das Scripting? Was macht die Situation für dich besonders unsicher? Und was brauchst du in genau dieser Situation?
Hinter diesem Blog stehe ich: Marie Maroske von Counseling bei Reizoffenheit
Seit 2017 begleite ich ADHS+/autistische Personen in derzeit über 1575 Sitzungen dabei, sich selbst besser zu verstehen, ihre eigenen Wege abseits neuronormativer Vorstellungen zu finden und MIT ihrem Gehirn statt dagegen zu arbeiten.
Danke, dass du hier bist. ♥️
Wie immer gilt:
• Alle beschriebenen Zusammenhänge können hier nur angerissen werden und sind in der Realität komplexer.
• Es gibt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
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