Warum ich nicht von „Löffeln“ rede – und über den Schmerz, der dahinter steht
Ihr kennt sie sicherlich alle, die Spoon-Theory. Schon der Name ist absurd, denn das Ganze ist keine Theorie, sondern eine Metapher, der ein logischer Fakt zugrunde liegt: Unterschiedliche Menschen haben unterschiedlich viel Energie zur Verfügung. Das variiert je nach Privilegien, akuter oder chronischer Krankheit, Lebensumständen, Behinderung, Marginalisierung, Ferritinwert, Lebenskrisen etc.
Die Energie kann von Tag zu Tag und selbst innerhalb eines Tages variieren. Wir können sie einschätzen und zwar als Löffel (= in Löffel-Einheiten). Das Wort „Theorie“ macht hier aus einer Metapher sprachlich mehr, als sie ist. Lieb ich nicht. (Was nicht heißt, dass das Aufmerksammachen nicht wichtig ist!) Aber das ist nicht das, was mich daran wirklich stört, sondern:
WARUM UM ALLES IN DER WELT LÖFFEL?
Es ist so random, bloß weil da gerade Löffel lagen und anscheinend keine Messer oder Gabeln. Oder Münzen. Und die Metapher ist nicht mal logisch, sie funktioniert nicht intuitiv (was m.E. Metaphern inhärent sein sollte: Das Bild selbst sollte eine Herleitung seiner übertragenen Bedeutung zumindest ermöglichen). Warum sollte ein Löffel für Energie stehen? Welche offensichtliche Eigenschaft hat ein Löffel, der diese Assoziation rechtfertigt?
Mein persönliches autistisches Gehirn weigert sich, davon zu sprechen, dass ich heute nur eine bestimmte Menge LÖFFEL bei mir habe, ich habe nie Löffel bei mir (außer ich übernachte in einem Hotel, dann habe ich immer einen kleinen Löffel dabei, falls da keiner ist und ich meinen Mitternachts-Kaffee umrühren muss).
Warum muss man eine niedliche Metapher für etwas finden, das existentiell das Leben bestimmen, beeinträchtigen kann? Wenn es doch schon ein gutes Wort dafür gibt: ENERGIE.
Energie können wir z.B. in Prozent angeben. Das ist viel logischer. Ich starte meinen Tag mit 30% Energie. Versteht man intuitiv viel schneller. Aber: Ich starte den Tag mit 12 Löffeln. Wtf. Muss man erst mal übersetzen. Wie viele Löffel hast du denn sonst so, was ist der Wert von einem Löffel, wie ist dein Umrechnungssystem, wieviel haben denn nichtbehinderte Menschen zur Verfügung etc. Und was kostet uns das??? Richtig, Energie, von der wir u.U. eben nur 30% haben und die brauchen wir, um uns was zu essen zu machen!
Löffel. Ich kann das nicht. Das kann ich einfach nicht ernst nehmen. Woran erinnert mich das? Höchstens an eine ableistische Beschimpfung mit Tassen (weil Küchenbereich). Findet man es, wenn man das unter Eingeweihten benutzt, kurz lustig und es ist ein Uplift? Bestimmt. Wenn man es zu Menschen ohne Behinderung/chronische Erkrankung sagt, wirkt es da nicht eher verharmlosend? Denn es geht um ein ernstes Thema, und ihr wisst ja, Sprache konstruiert Realität, da finde ich lustige (oder in meinen Augen eher: infantilisierende) Bezeichnungen eher fehl am Platz.
Ich hab heute nicht genügend Löffel übrig. Wie witzig. Nein, ist es nicht. Ich habe nicht mehr genügend Energie, um aufzustehen und ins Bett zu gehen. Mein Körper tut weh, weil ich heute mal wieder in -10% gehen musste. Woher soll ich noch die letzten 3% nehmen, um mir die Zähne zu putzen?
Die Spoon-Theory hat natürlich durch ihre Verbreitung dafür gesorgt, dass das Thema Beachtung findet. Und das ist super. Und wenn ihr das gerne nutzt, es euch vielleicht keine Energie kostet, Energie in Löffel umzurechnen oder es anderen zu erklären, oder es euch einfach nur kurz ein Lächeln auf die Lippen zaubert: Auch super! Nutzt es bitte weiter.
Aber ich für mich, gerade auch in meiner Arbeit, habe ein Ick dabei, dieses Thema so zu verniedlichen. Denn was ich täglich sehe, bei meinen Klient:innen, aber auch aus eigener Erfahrung kenne: Fehlende Energie erzeugt im Bereich ADHS+/Autismus und fehlender Inklusion mit den allermeisten Schmerz!
Gerade wenn wir über (ADHS/autistischen) Burnout reden. Gerade, wenn wir darüber reden, dass es nicht mehr so wird wie früher. Wenn wir uns damit auseinandersetzen MÜSSEN, dass wir ganze Bereiche aus unserem Leben streichen, weil uns genau diese fehlende Energie zu den härtesten Priorisierungen zwingt. Wenn wir Freund:innenschaften aufgeben müssen, weil wir die Energie dafür nicht haben. Oder den Job. Oder das geliebte Hobby.
Wenn wir keine Seite am Stück mehr lesen können, obwohl das früher unsere Entspannung war. Wenn wir täglich hoffen müssen, dass es ausreicht für den Alltag/Kinder/Arbeit. Und ständig hintergründig Angst haben, dass es irgendwann nicht mehr reicht. Wenn uns andere nicht glauben, weil wir ja nach außen funktionieren. Und uns stattdessen als faul oder bequem oder egoistisch shamen.
Und deshalb benutze ich hier keinen verniedlichenden, unlogischen Begriff, auch aus Respekt vor dem Schmerz, der mit dem Thema verbunden ist.
Hinter diesem Blog stehe ich: Marie Maroske von Counseling bei Reizoffenheit
Seit 2017 begleite ich ADHS+/autistische Personen in derzeit über 1625 Sitzungen dabei, sich selbst besser zu verstehen, ihre eigenen Wege abseits neuronormativer Vorstellungen zu finden und MIT ihrem Gehirn statt dagegen zu arbeiten.
Danke, dass du hier bist. ♥️
Wie immer gilt:
• Alle beschriebenen Zusammenhänge können hier nur angerissen werden und sind in der Realität komplexer.
• Es gibt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
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