(Self-)Gaslighting bei (unentdeckter) Neurodivergenz

Eine kollektive Erfahrung, die viele neurodivergente Menschen (NDs) teilen, ist Gaslighting, also das Absprechen unserer Wahrnehmung und/oder Gefühle und damit einhergehend eine negative Beurteilung. Von klein auf hören wir Sätze wie: „Sei nicht immer so übersensibel! Es lohnt sich nicht, sich über solche Kleinigkeiten aufzuregen! Mach nicht so ein Drama! Das ist gar nicht zu laut! Stell dich nicht so an! Die Strumpfhose ist ganz weich, die kann nicht kratzen. Wenn du willst, kannst du doch auch! Das ist nur eine Ausrede für deine Faulheit! Das machst du nur, um im Mittelpunkt zu stehen! Das ist jetzt aber nicht normal! Ja, jetzt sagst du nur, dass du das so nicht gemeint hast, um besser dazustehen.“ Etc.

Vielen NDs wird im Laufe ihres Lebens fast durchgehend unterstellt, ihre Wahrnehmung und/oder Gefühle seien falsch, unangebracht, übertrieben oder einfach eine Lüge. Das ist umso perfider, wenn wir dadurch, dass die ND unbekannt ist, keine Erklärung dafür finden und anfangen, dem Glauben zu schenken. Denn: Wenn alle das sagen und wenn ich immer wieder aufgrund dieser Dinge abgelehnt oder bestraft werde, muss ja etwas mit mir falsch sein – so die kindliche und oft auch noch die Erwachsenen-Logik.

Was dann passiert: Wir verlieren unser Selbstbewusstsein – im wörtlichen Sinne, denn wir können uns unserer Selbst nicht mehr bewusst sein, weil die Diskrepanz zwischen unserem Empfinden und dem, was uns von außen vermittelt wird, zu groß ist. Wir übernehmen unbewusst das (zumindest in Teilen) negative Fremd-Bild, das andere von uns haben und verlieren so den Bezug zu dem, wer wir wirklich sind. Und wir vertrauen unserer Intuition (unbewusstes Wissen) nicht mehr – was hoch problematisch ist, denn aufgrund unserer Reizoffenheit ist diese häufig sehr gut ausgeprägt, und wenn sie uns warnt, uns ein Zeichen gibt: Da fühlt sich was nicht richtig an, ignorieren wir dies, weil: Ich dramatisier wieder mal. So laufen wir Gefahr, noch mehr Missbrauch zu erleben, noch häufiger manipuliert und ausgenutzt zu werden.

Wenn wir als Erwachsene irgendwann auf die Themen ADHS und/oder Autismus stoßen und uns wiedererkennen, kommen ganz häufig diese Mechanismen zum Einsatz, die uns zum zweifeln an uns selbst bringen: „Du suchst doch nur nach einer Entschuldigung für dein Faul-Sein, deinen Egoismus, etwas, damit andere auf dich Rücksicht nehmen müssen, eine Legitimation. Du bildest dir das doch nur ein. Das hat doch jede:r mal.“ Schlimm genug, dass wir uns diese Dinge von anderen anhören müssen, wir tun uns das dann auch selbst an. Self-Gaslighting trifft auf internalisierten Ableismus.

Nochmal perfider wird das ganze einmal bei Personen mit monatlichem hormonellen Zyklus, da sich die ND-Eigenschaften in der Progesteron-Phase verstärken und in der Östrogen-Phase abgeschwächt sind. Da das erst nach und nach bekannt wird, ist hier natürlich der „Beweis“ dafür, dass wir uns das nur einbilden: Letzte Woche ging es ja auch. Und wenn dann noch die Kombination aus ADHS und Autismus dazu kommt, mit den ganzen Widersprüchen, die dabei entstehen können (z.B. Reizsuche vs. Reizüberflutung, Chaos vs. Ordnung, Spontaneität vs. Struktur) – und es sind schon genügend Widersprüche bei „nur“ ADHS oder Autismus gegeben – dann wird das ganze natürlich noch verwirrender, bspw.: „Es kann kein ADHS sein, weil ich alles sortiere/kann keine Autist:in sein, weil ich zu chaotisch bin – doch nur ne Ausrede.“.

Wir müssen anfangen, uns diese Zusammenhänge immer wieder bewusst zu machen. Immer zu fragen: Zu wem gehört diese Stimme, die da in meinem Kopf über mich urteilt und die jetzt meine ist, eigentlich ursprünglich? Uns immer wieder daran zu erinnern, dass unsere Gefühle, dass unsere Wahrnehmung, genauso okay ist wie die der anderen. Und dass niemand gleich fühlt oder wahrnimmt. Und anfangen zu lernen, unserer Intuition wieder zu vertrauen. Neugierig auf uns selbst sein, um wieder zu uns selbst zu finden. Das ist mitunter ein langer und anstrengender Prozess, aber so haben wir die Chance, uns selbst wieder kennenzulernen und zu lernen, uns wieder zu vertrauen.

*Mit „uns“ und „wir“ meine ich wie immer alle Menschen, die sich angesprochen fühlen!*